Kleinstadtkolumne Teil 2 - Deko-Wahn & Messie-Gärten

 

 



Es ist eine anerkannte Tatsache, dass die Spezies "Mensch" ein Rudeltier ist, sich an seinen Artgenossen orientiert und bei ihnen abguckt. Das ist überall so. Nun....fast überall. In der Kleinstadt kommt noch ein Punkt hinzu: Das Rudeltier "Mensch" orientiert sich, guckt ab und - will besser sein.

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Müllabfuhr: Am Anfang des Jahres wird ein Kalender an alle Haushalte verteilt, in dem steht, an welchen Tagen Rest-, Papier- und Biomüll abgeholt werden. Diese Kalender werden penibel in der Kleinstadtküche aufgehängt und Woche für Woche genau studiert, denn bestenfalls ist man dann der erste, der die Mülltonne vor der Haustür stehen hat und suggeriert somit seinen Nachbarn "Ich bin gut! Ich weiß Bescheid!" Sehr stolz kann man anschließend auf sich sein, wenn nach und nach sämtliche Nachbarn ebenfalls ihre Tonne vors Haus rollen, denn seht  her! ...die haben sich alle an diesem einen Nachbarn, der den Überblick hat, orientiert. - Dass eigentlich ja jeder weiß, dass der Müll erst zwei Tage später abgeholt wird, tut hier nichts zur Sache. Sicher ist sicher und vielleicht weiß der Super-Nachbar ja doch mehr? (Hier sei noch hinzugefügt, dass es vereinzelt auch Querulanten gibt, die bisweilen zu Schabernack aufgelegt sind und einfach mal sonntags gleich ZWEI Mülltonnen vors Haus rollen, um sich anschließend darüber zu amüsieren, dass spätestens abends die Straße vor lauter Tonnen nicht mehr zu sehen ist. Habe ich gehört....)
Unnötig zu erwähnen, dass man nach erfolgreicher Müllabholung natürlich dann auch wieder der erste sein muss, der seine Tonne hinters Haus rollt. Nicht, dass die Nachbarn denken, man führt ein Lotterleben und liegt bis nachmittags im Bett!

Am besten zu beobachten ist das Rudelverhalten der Spezies "Kleinstadtmensch" jedoch in Sachen Dekoration: Hat der eine eine hübsch bepflanzte Blumenschale vor der Haustür, kann sich der andere diese provokante Offensive natürlich nicht bieten lassen....und legt noch einen Gartenzwerg/Plastik-Erdmännchen/Holzdeko/möglichst viel Buntes/Glitzerndes/Spiegelndes etc. pp. oben drauf.

Nachbar XY mäht den Rasen? SOFORT wird ebenfalls die Maschine angeschmissen, denn das kann ja nicht angehen, dass es nebenan ordentlicher aussieht! Selbstredend werden nach dem Mähen natürlich sämtliche Hecken und Büsche auch noch in Form geschnitten, denn man ist ja besser als der Nachbar.

Völlig schutzlos den Mutmaßungen und Lästereien seiner Mitmenschen ausgesetzt ist man in der Kleinstadt jedoch in Sachen Fenster-Deko:
"Bei Müllers wurden die Scheiben ja auch schon sehr lange nicht mehr geputzt ..." (hierbei wird eine wissend-pikierte Mine aufgesetzt)
"Schmidts sind wohl nur am Rauchen, die Gardinen sind völlig vergilbt." (angeekelter Blick)
"Meiers Orchideen sind definitiv künstlich. Sooo lange blüht keine echte Orchidee." (Fachmann-Blick)
"Die Kunze hat die halbhohe Gardine nur deswegen, damit sie alles mitbekommt, was auf der Straße passiert." (gehässiger Blick)
"Webers haben jetzt eine Lichterleiste im Fenster, die die Farben wechselt. Das Arschgeweih der Möbelindustrie. Na, da will ich gar nicht erst wissen, wie es bei denen drinnen aussieht." (würde-ich-mir-niiiiiiiiiiemals-anschaffen - Blick)
....und dann gibt es noch die, die nach dem Prinzip "Was ich nicht dekoriere muss ich auch nicht putzen" leben. Und bei denen dann angefragt wird, ob sie die unterste Etage zu vermieten hätten. Weil es da so leer aussieht....

HINTER den Kleinstadthäusern betritt man jedoch eine Parallelwelt. Eine Welt, die man teilweise noch nicht einmal mit Schutzanzug und Minensuchgerät würde betreten wollen. Eine Welt, in der einem aus jedem zweiten Garten ein Trampolin entgegenwinkt  (das natürlich größer ist als das der Nachbarn). Eine Welt, in der man denkt "Ich wusste gar nicht, dass es mitten in der Stadt Urwälder gibt." Eine Welt voller Hühner, Schweine, Schafe und Ziegen (deren Haltung nicht unbedingt legal ist). Und eine Messie-Welt.

Eine Messie-Welt, in der man vor lauter kunterbuntem Spielzeug keinen Rasen mehr sieht, geschweige denn ein Kind dazwischen ausmachen kann. Eine Welt, in der der Postbote mit dem Liefern der Pakete nicht mehr hinterherkommt, in der jeden Tag etwas neues im Garten dazukommt, so dass das Ganze einem Wimmelbild gleicht. Eine Welt, in der alles nur kurzfristig interessant zu sein scheint und anschließend schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt ist, mit der Zeit Moos ansetzt und völlig verkommt. Eine Welt voller trauriger, nur kurz geliebter Swimmingpools, Hängematten (mit Gestell), Katzenkratzbäume, Tischtennisplatten, Gartensofas, Spielhäuser, Pavillons, usw ........ Ruhet in Frieden.

Eine Welt, deren Existenz ein gut gehütetes Geheimnis ist, das durch Mauern und dichte Hecken verborgen wird. Denn eins ist mal sicher: Wären Kleinstadthäuser durchsichtig, wären die Kleinstadtgärten eine Parklandschaft!

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Uli (Sonntag, 03 Dezember 2017 17:38)

    Hahaha, super. Genauso ist es. Ich habe mich anfangs auch immer an den Nachbarn in puncto Müll gehalten, bis ich draufgekommen bin, dass sie IMMER den Müll vor der Tür stehen haben.

    Bei uns ist der Schwiegertiger der Paradegärtner, aber es ist total luwtig ihn zu beobachten, wenn er im Herbst bei Wind und Wetter das Laub fegt - Pensionisten-Beschäftigungstherapie, nicht dass die Nachbarn denken... Glg Uli

  • #2

    Kerstin von Glitzerdings (Sonntag, 03 Dezember 2017 19:27)

    Liebe Uli,
    Schwiegertiger:-)))), das habe ich auch noch nie gehört! Klasse!
    Bei meinem Schwiegertiger hegen wir übrigens seit Jahren die heimliche Vermutung, dass da heimlich eine Heizung unter der Einfahrt verbaut wurde. Denn egal, wann Du dort an verschneiten Tagen vorbeikommst - Du findest nicht eine einzige Schneeflocke auf dem Pflaster.
    Und P.S. Laub auf dem Rasen? Wo denkst Du hin??? ;-)

  • #3

    Uli (Sonntag, 03 Dezember 2017 19:39)

    ha, die imaginäre Parkplatzbodenheizung haben wir auch - theoretisch wäre da auch eine Blinddarm-OP möglich. Top-steril! Die Enttäuschung der Kinder jedes mal: Juhuu, es hat geschneit! Dann raus vor die Tür und sauberer, schöner und vor allem schneefreier als alle anderen Einfahrten im ganzen Dorf. glg und einen schönen Abend noch, Uli