Lost Place: Das einstige Sanatorium

Es gibt Menschen, die fasziniert von alten, verlassenen und dem Verfall preisgegebenen Gebäuden sind und sich in diesen mit Ehrfurcht und Respekt bewegen. Menschen, die sich für den geschichtlichen Hintergrund dieser Gebäude interessieren, die den Zerfall und das langsame Zurückerobern durch die Natur auf Bildern festhalten. Diese Menschen nennen sich "Urban Explorer", kurz "Urbexer".
Urbexer halten sich an den Ehrenkodex "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints." und geben keine Adressen der von ihnen besuchten Orte weiter....

....denn da gibt es noch die "Anderen". Die Vandalen, die sich dazu berufen fühlen, in leerstehende Gebäude einzubrechen und sich dort zu benehmen wie die Axt im Walde. Scheiben einzuschlagen, Türen einzutreten, die Wände mit Graffiti vollzuschmieren, ja sogar Brände zu legen.

Dass so etwas den Wert einer Immobilie, die vielleicht trotz jahrelangem Leerstand noch eine Chance auf erneute Nutzung hätte, nicht gerade aufwertet, dürfte jedem klar sein. Dass aufgrund des Vandalismus auch Urbexer, die nur gucken und nichts zerstören wollen, nicht gerade gern gesehen sind, ist eine traurige aber logische Folge.

Als Urbexerin gebe ich also in der Regel keine Adressen weiter. Bei diesem verlassenen Sanatorium kann ich jedoch guten Gewissens eine Ausnahme machen. Warum? Nun, zum einen wird es hervorragend bewacht und zum anderen sind Urbexer hier willkommen sofern sie sich vorher anmelden. Gibt's nicht? Gibt's doch! - Genauere Infos dazu findet Ihr weiter unten....

 

 

Im Bundesland Thüringen gibt es sehr viele verlassene Gebäude oder sogar ganze Gebäudekomplexe. Einer der größten dürfte das Schwarzeck in Bad Blankenburg sein, das auf eine sehr bewegte und mittlerweile über 110jährige Geschichte zurückblickt: Vom Sanatorium zur Ausbildungsstelle der Luftwaffe zur Bezirksparteischule zum Hotel - Eine Geschichte, die einem aus jeder Zimmerecke entgegen weht.

Ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete der sehr vermögende Sanitätsrat Dr. Paul Wiedeburger zusammen mit seinem nicht minder vermögenden Kollegen Dr. Karl Schulz  das "Thüringer Waldsanatorium Schwarzeck". Einige der Gebäude standen bei der Eröffnung des Klinikbetriebs bereits, bis zum Jahr 1909 wurde jedoch immer weiter angebaut, bis der Komplex schließlich in seiner ganzen Größe am Berghang über Bad Blankenburg stand.

Behandelt wurden hier Migräne, Neurosen, Herz-, Magen-, Leber- und Darmerkrankungen. Außerdem wurden Hypnosen durchgeführt, was zur damaligen Zeit etwas ganz Neues war und großen Anklang fand. Zwei der berühmtesten Patienten waren Hermann Göring und Marc Chagall, der sich hier aufgrund seiner Drogensucht behandeln liess. - Noch heute steht im Untergeschoss der Kamin, vor dem die beiden Herren einst saßen. Ob nun zusammen oder getrennt....das wird wohl ihr Geheimnis bleiben.
1908 trennten sich die Doktoren und Wiedeburger führte das Sanatorium bis zu seinem Tod im Jahr 1935 allein.

Junior Dr. Paul Hermann Wiedeburger übernahm nach dem Tod des Seniors das Sanatorium, verkaufte jedoch schon zwei Jahre später den kompletten Gebäudekomplex an die Nationalsozialisten, die hier 1937 ihre "Ingenieurtechnische Schule der Luftwaffe" einrichteten - die Kaderschmiede für zukünftige Offiziere.
Nun, den Lauf der Geschichte kennen wir alle: Die Nazis hatten bald andere Probleme als die Ausbildung von Kampfpiloten. Nämlich die Genesung selbiger. Wie gut, dass das ehemalige Sanatorium noch existierte, denn so hatte es zum Kriegsende hin einen großen Nutzen als Rehaklinik für verwundete und dienstuntaugliche Flieger.

Diese neue Bestimmung hielt allerdings auch nicht lange vor, denn nachdem der Krieg vorbei war, wurde das Schwarzeck schon bald Opfer von Plündereien. Dem wiederum schoben die sowjetischen Besatzer einen Riegel vor, indem sie die Gebäude beschlagnahmten und als Wohnraum für Umsiedler nutzten.

 

 

Von 1947 bis zur Wende wurde das Schwarzeck von der SED genutzt. In der Bezirksparteischule "Rosa Luxemburg" lernten etwa 25.000 Genossen, unter ihnen auch der heutige Bürgermeister von Bad Blankenburg.
Dann wurde Deutschland jedoch wiedervereinigt und der Lehrbetrieb der Parteischule im November 1989 eingestellt.

Die SED/PDS sah sich als rechtmässige Besitzerin der Liegenschaft Schwarzeck, liess diese durch eine Parteifirma verwalten, holte sich Partner aus Rheinland-Pfalz ins Boot und startete am 01. Juli 1990 mit dem Hotelbetrieb der "Hotel Schwarzeck GmbH". Die Gebäude beherbergten außer dem Hotel noch diverse Restaurants, ein Café, die Discothek "Fantasy", eine Spielothek und mehrere Dienstleister.

Es gab jedoch Streitigkeiten mit der Treuhand über das Objekt Schwarzeck und nach langem Hin und Her verzichtete die PDS im Juli 1995 auf die Immobilie - kurz darauf ging die Betreibergesellschaft pleite.

 


Kurzfristig war geplant, das Schwarzeck zu einer Spielbank umzubauen, es blieb jedoch bei der Planung.

 


1997 kaufte eine städtische Wohnbaugesellschaft die Immobilie von der Treuhand - und machte direkt im ersten Geschäftsjahr 900.000 Euro Verlust.
Die Stadt Bad Blankenburg sprang ein und nahm einen Kredit über 2,7 Millionen auf. Das Schwarzeck wurde ein städtisch betriebenes Hotel und erlebte von 2000 - 2003 erneut eine kurze Glanzzeit als Ausweichquartier der Sportschule. Die Hoffnung, dass dies nun ein Dauerzustand werden möge, zerschlug sich jedoch leider.

 

 

Es wurde dringend nach einem Käufer gesucht.... und schließlich in der "Klinikbetrieb Störtal GmbH" aus Kellinghusen gefunden. Besagte GmbH unterschrieb den Kaufvertrag und plante eine Kurklinik.
Und dann? ..... Nichts! Die GmbH trat nie wieder in Erscheinung und die Stadt wartet bis heute auf die Kaufsumme von 340.000 Euro. Anzeigen liefen ins Leere. Die Stadt wollte diesen Klotz am Bein, der nichts als Kosten verursachte, jedoch möglichst schnell loswerden, übernahm ganz spendabel noch die Grunderwerbssteuer von 11.000 Euro und sorgte dann dafür, dass der neue Eigentümer im Grundbuch eingetragen wurde.

Den Bewohnern von Bad Blankenburg wurde vorgegaukelt, es tue sich was im Schwarzeck - alles was sich tat, war jedoch nur Vandalismus. Scheiben wurden zertrümmert, alles, was nach Metall aussah, wurde abmontiert und zu Geld gemacht, es wurden Partys gefeiert, Obdachlose richteten sich häuslich ein und es wurde sogar ein Feuer gelegt.

 

 

 

....und dann trat ein Verein auf den Plan. Die "Schwarzeckfreunde e. V." sind eine Gemeinschaft, die den Verfall des Schwarzecks aufhalten will, die das Potential dieser Gebäude sieht und hofft, dass sich irgendwann einmal ein Investor findet, dem wirklich was an der Immobilie liegt, die über eine Grundstücksgröße von über 50.000 qm und allein im Haupthaus über eine Innenfläche von über 2.600 qm verfügt. Bis dahin sorgt der Verein ehrenamtlich für Ordnung, sichert das Gelände, versucht, die Gebäude nicht komplett dem Verfall preiszugeben und bringt jedes unerlaubte Eindringen sofort zur Anzeige.
Urbexern gegenüber sind die Schwarzeckfreunde allerdings sehr aufgeschlossen. Wir haben selber unter 0174/5930880  Kontakt mit dem Vereinsvorsitzenden Gunter Bank aufgenommen, der sofort bereit war, das Schwarzeck für uns aufzuschließen und uns viele interessante Begebenheiten zur Geschichte des Hauses erzählte. Er hat mir ausdrücklich erlaubt, diesen Kontakt in meinen Blogbeitrag zu schreiben, denn er ist wirklich mit Herzblut dabei und wer weiss....vielleicht findet sich ja auf diesem Weg ein Investor? Ich würde es den Schwarzeckfreunden wirklich wünschen, denn diese Gebäude sind absolut einmalig und viel zu schade, um zu verfallen.

 

 


Vielen Dank nochmal an Gunter Bank und die Schwarzeckfreunde, dass Ihr Euch so spontan die Zeit für uns genommen habt!

 

 

 

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